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Vom Eise befreit – Geest – reiche Geschichte auf kargem Land

Weite Flächen, karge Landschaft, unfruchtbare Böden – charakteristische Merkmale der Geest, deren Begriff aus dem Niederdeutschen „güst“ genau dies bedeutet: karg und unfruchtbar. Entstanden ist die Geest, die Altmoränenlandschaft in der Weser-Ems-Region, als Folge der Gletscherwanderungen der vergangenen Eiszeiten. Das steinig-sandige Material stammte von den Gebirgen Skandinaviens und aus dem Becken der Ostsee und wurde über einen Zeitraum von tausenden von Jahren in den Gletschern eingeschlossen nach Niedersachsen verbracht. Durch das Abschmelzen und den Rückzug der riesigen Eisfelder blieben Gesteine, Felsblöcke und Sand zurück. Ein weiterer Landschaftstyp in Nordwestdeutschland, dessen Natur- und Kulturgeschichte im Mittelpunkt der zweiten Dauerausstellung des Landesmuseums in Oldenburg steht.

Gletscher transportieren Steine und Geröllmassen – Geschichte ist lebendig

Wie stellt man es dar, dass vor mehr als 120.000 Jahren Gesteinsmassen aus weit entfernten Regionen des Nordens in unseren heutigen Lebensraum gelangten? Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt im ersten Raum mit der Installation „fließender Steine“. Die von der Decke herabhängende Stein-Collage symbolisiert die Vielfalt des Steinmaterials, das während der Saale-Eiszeit, der vorletzten Eiszeit, hier angelandet wurde. Steine verschiedener Art, Größe, Form und Farbe schweben nahezu im Raum, dürfen angefasst werden und befinden sich somit auch in Bewegung. Denn dynamisch waren sie ja ebenfalls, als sie hierher kamen.

Steine und Sand waren zudem die entscheidenden Grundstoffe im Lebensumfeld des Menschen. Es entstanden Werkzeuge sowie Waffen für den Alltag und die Jagd; für die Keramikherstellung wurden feine Tone und Sande verwendet.


Große Monumente im Nordwesten – Großsteingräber für die Toten

Großinstallationen sind ein entscheidendes Merkmal unserer Dauerausstellungen: Ein echter Moorblock als Präsentationsfläche für die Moorleichen, der Nachbau eines Großsteingrabes nach originalem Maßstab in der Geest sind Eyecatcher in der jeweiligen Etage. Die Monumentalität dieser Grabanlagen sorgt nicht nur heute in der Ausstellung für Staunen über die Leistung menschlicher Anstrengungen, sondern lieferte schon in der Vergangenheit reichlich Anreiz für Begriffe der Superlative. Als Pyramiden des Nordens oder „Hünengräber“, Hinterlassenschaften der Riesen hat man sie bezeichnet. Die eigene Erfahrung, denn unsere Besucher können direkt in die Grabkammer eintreten und die Grabausstattung der Verstorbenen in der ursprünglichen Lage betrachten, unterstreicht die Bedeutung solcher Einschätzungen. Die ägyptischen Pyramiden und die Großsteingräber Nordwestdeutschlands sind mehr als 5000 Jahre alt und belegen eindrucksvoll die enorme Arbeitsleistung des Menschen in der Jungsteinzeit.












Wann treffen Mensch und Tier in der Geest aufeinander?

Zunächst bildete natürlich die Jagd den Grundstock für die Nahrungsversorgung in der Altsteinzeit. Zahlreiche Wildtiere lebten auf der weiten Tundra-Landschaft der Nacheiszeit um ca. 13.000 v. Chr. und zogen in großen Herden über das Land. Rotwild, Rentiere, Mammuts, Moschusochsen und Wildpferde waren die Beutetiere des Menschen. Im Besonderen war es das Ren, das neben dem Fleisch eine Fülle von Werkstoffen lieferte: Felle dienten den nomadisierenden Gruppen als Kleidung und Knochen sowie Sehnen wurden zu den unterschiedlichsten Geräten verarbeitet.

Großpräparate und prähistorisches Werkzeug zeichnen ein naturgetreues Bild der Lebensverhältnisse in der Altsteinzeit.

Wie das Beispiel der Großsteingräber bereits gezeigt hat, lässt sich der Mensch in der Geest kontinuierlich vom Alt- bis in die Jungsteinzeit nachweisen. Im Unterschied zu den südlichen Regionen wurden die Menschen erst im 4. Jt. v. Chr. in Nordwestdeutschland sesshaft. Sie betrieben nun Ackerbau und Viehzucht. Ihr Hauptaugenmerk lag auf der produzierenden Wirtschaftsweise, wodurch sich die Verhältnisse zwischen Mensch und Natur grundlegend ändern: Die natürlichen Ressourcen werden zum Objekt der planmäßigen Ausbeutung. Nicht nur Vorräte werden angelegt und Anbau von Saatgut sowie Ernten bewusst organisiert, sondern auch Wildtiere zu Hausformen domestiziert.

Zu den Getreidesorten zählen Weizen, Emmer und Gerste und bei der Zucht und Haltung der Haustiere stehen Schwein, Rind und Schaf im Vordergrund.








Kontinuität von gestern bis heute?

Insgesamt sind es mehr als 4000 Jahre Siedlungsgeschichte, deren kulturelle Entwicklungsschritte durch archäologische Artefakte in der Ausstellung rekonstruiert wird. Exponate von der Altseinzeit bis ins Mittelalter charakterisieren die jeweils wichtigsten Epochen der heimischen Region. Ein klares Design und die gezielte Auswahl von Objekten, die besondere Ereignisse repräsentieren, macht selbst Chronologie besucherfreundlich. Der besondere Wert besteht hier zudem in der Materialvielfalt – das Spektrum reicht von der Holz- und Metallverarbeitung bis hin zu Tracht- und Schmuckelementen und beeindruckenden Keramiken.

Umfangreich ist auch die Geest als Naturraum – eine Baumreihe als Vitrine eingesetzt zeigt die typischen Baumarten der Landschaft mit ihren Blättern, Früchten und Farben. Zahlreich und imposant sind auch die Säugetiere, deren Entwicklungsgeschichte in engem Zusammenhang mit Klimaveränderungen und dem Wandel der Waldböden dargestellt werden. Verschiedene Arten repräsentieren unterschiedliche Entwicklungsstadien: das Ren die Tundra, das Wildschwein den Laubwald und nicht zuletzt der Fuchs die durch den Menschen regulierte Vegetation. Er kann nun auch in der von Maisfeldern geprägten Agrarlandschaft überleben.

In allen Ausstellungen erhalten unsere Besucher die Möglichkeit, durch multimediale Installationen aktiv zu sein. So können die Stimmen verschiedener Vogelarten nach eigener Auswahl abgerufen werden.










Ein Blick in die Zukunft

Durch das Eingreifen des Menschen in das natürliche Gefüge der Umwelt entstehen in jeder Landschaft weitreichende Veränderungen. Für die Geest beginnt das bereits mit den ersten Jägern in den nacheiszeitlichen Tundren. In weit ausgeprägterem Maße gilt das natürlich für die ersten sesshaften Bauern, mit denen ein dynamischer Prozess des Landschaftswandels einherging. Verglichen mit dem landwirtschaftlichen Einfluss heute, sind diese Prozesse noch nicht abgeschlossen, denn die letzten 150 Jahre haben das Verhältnis von Mensch, Tier und Umwelt weitaus nachhaltiger geprägt als die Epochen zuvor.

Im Besonderen bezieht sich das auf die Industrialisierung der Landwirtschaft, die zu einer beispiellosen Konzentration von Haustieren geführt hat. Wie schon in der Landschaft „Moor“ informiert der letzte Raum nachdrücklich über die Risiken menschlichen Wirkens: Die Belastung der Böden gefährdet den Erhalt der natürlichen Ressourcen. Wir zeigen die negativen Auswirkungen auf, geben Einblick in die Fakten und Probleme und möchten gleichzeitig für Lösungsansätze sensibilisieren.