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Mensch und Meer – Küste und Marsch – eine ewige Liebesgeschichte

Seit Beginn der Marschenentwicklung an der niedersächsischen Küste stand und steht die Kulturgeschichte dieses Raumes in Wechselwirkung mit den natürlich wirksamen Prozessen. Hierzu zählen klima-, wetter- und gezeitenabhängige Bewegungen des Meeresspiegels. Beispielsweise verglichen mit der Geest hat die Marsch eine verhältnismäßig kurze, durch den Menschen ungestörte Naturgeschichte durchlaufen. Nach den bisherigen Forschungen entstand die Marsch etwa ab 6.000 v. Chr. Im Hinblick auf die Besiedlungsstruktur lässt sich nachweisen, dass die Flussmarschen seit der ausgehenden Bronzezeit in Kulturbesitz genommen wurden.

Neben der Darstellung der naturräumlichen Gegebenheiten, der Präsentation menschlicher Hinterlassenschaften und der Einbindung des Naturalien-Cabinetts richtet die Ausstellung ebenso einen Blick in die Zukunft der niedersächsischen Nordseeküste: Moderner Küstenschutz beschäftigt sich vor allem mit dem vielfältig beschriebenen Klimawandel und seinen umstrittenen Folgen.

Ein Gefüge aus Natur- und Kulturraum: Wie entsteht das?

Die gegenwärtige Marschenlandschaft ist ein Werk von Menschenhand und damit ein komplexes Gefüge aus Natur- und Kulturraum im Spannungsfeld vielfältiger traditioneller wie moderner Nutzungsformen und Interessen. Ein solches dynamisches „Bau“werk wird nicht abgeschlossen sein, solange es bewohnte Marschen an der südlichen Nordsee gibt. Aufbau und Entstehung lassen sich in einer kurzen Übersicht wie folgt erklären: Der Verlauf der Küste war bis zum Deichbau extrem durch die Vorgänge der Meeresspiegelbewegungen und ihren Folgen geprägt. Aufgrund des etwa 130 m niedrigeren Meeresspiegels während der letzten Kaltzeit waren die südliche und mittlere Nordsee zu Beginn der Nacheiszeit landfest. Es wäre möglich gewesen, über Land von Niedersachsen bis nach England zu gelangen. Mit dem Abschmelzen der Eismassen verlagerte sich die Küste nach Süden und die Nordsee erreichte um 6.000 v. Chr. das Vorland der heutigen Küste. Seit diesem Zeitpunkt stieg der Meeresspiegel langsamer und mit deutlichen Schwankungen.

Naturkatastrophen und Siedlungskontinuität – funktioniert das?

Die ältesten archäologischen Funde in der Marschenlandschaft reichen bis in die mittlere Steinzeit zurück. Diese Artefakte belegen die Anwesenheit des Menschen in Zeiten, bevor es hier Marsch und Moor gegeben hat, sondern dort eiszeitliche Sandböden oder hochragende Geestkuppen die Landschaft bestimmten. Erst mit der Bronzezeit sind Siedlungen in der Marsch nachweisbar – urbane Strukturen, die während der Regressionszeiten angelegt wurden. Da das Wasser in der unbedeichten Marsch in dieser Zeit noch weit auslaufen konnte, stellten Sturmfluten keine große Gefahr dar.

Regelrechte großflächige Kolonisation und Kontinuität beim Besiedeln der Küstenregion zeichnet sich erst seit der Zeit um Christi Geburt ab, als Folge einer starken Meeresspiegelabsenkung. Die Siedlungsaktivitäten des Menschen haben seitdem wiederholt neue Wege gefunden, sich gegen Sturmfluten zu schützen; die Erhöhung der Siedlungsflächen – die ersten Wurten entstanden – oder der Schutz durch eine „Ringanlage“ – die ersten Deiche wurden errichtet.

Trotz der Widrigkeiten des Naturraums waren die unbedeichten See- und Flussmarsch wirtschaftlich für die Menschen sehr attraktiv, denn sie bot Grünland für Viehhaltung, höhere und damit trockenere Stellen für Ackerbau und einen guten Boden. Die Nordsee sowie Ems, Weser und Elbe stellten darüber hinaus wichtige Verkehrswege dar, die im Mittelalter einen florierenden Handel ermöglichten.

Kreislauf der Stoffe – der Erhalt des „Biosphärenreservates“

Deichbau, künstliche Entwässerung des Landes, Urbarmachung der Moore sowie moderne Flusskorrekturen führen zur Veränderung der hydrologischen Situation an der Küste und zum Verschwinden des ursprünglichen Zustands des Naturraums „offene Marschlandschaft“. Anstelle einer von tief greifenden Meeresbuchten und Prielen zerrissenen Landschaft mit vielfältigem Wechsel von Salzwiesen, Schilfdickichten, offenen Wasserflächen und sogar Waldbeständen zeigt sich heute eine für die Lebensräume von Tier- und Pflanzengesellschaften strukturarme Region mit einer vergleichsweise geringen Artenvielfalt. Im Gegensatz dazu steht das Wattenmeer mit seinen Salzwiesen als einzigartiger Extremlebensraum, der nach wie vor von Gezeiten und Sturmfluten beeinflusst wird und den der heutige Deich von der vom Menschen kultivierten und landwirtschaftlich geprägten Marsch trennt. Der Wattenmeer-Salzwiesenkomplex ist beispielsweise Kinderstube für Jungfische, Brutplatz für Salzwiesenvögel oder Drehscheibe auf dem Ostatlantischen Vogelzugweg.

Als verbindendes Element zwischen der Küstenlandschaft und dem offenen Meer können z. B. die Seeschwalben betrachtet werden. Sie sind einerseits Brutvögel der Region, andererseits aber Weltenwanderer par exellence. Während Küstenseeschwalben auf der Reise in den Süden sind, kommen Vogelschwärme aus weit nördlich liegenden Gebieten in das Wattenmeer der Nordsee, um hier zu überwintern oder nach einer Rast südwärts zu ziehen. Unabhängig von dem Verhalten einzelner Arten machen Zahl und Vielfalt der gefiederten Gäste die Einrichtung großräumiger Schutzgebiete in Form der Nationalparks an der Nordseeküste deutlich.

Das Naturalien-Cabinett – ein Stück Museumsgeschichte

Handel und Schifffahrt im nordwestdeutschen Raum spielten seit jeher als Wirtschaftsfaktoren eine große Rolle an der Küste. Das Naturalien-Cabinett präsentiert in Erinnerung an die Zeit von 1870 bis 1910 Sammlungsobjekte aus dem Besitz des damaligen Großherzoglichen Museums in historischem Stil. Als eigenständiger Raum bedeutet es eine Wiederbelebung der Museumsatmosphäre des 19. Jahrhunderts. Historische Vitrinen schaffen eine in sich geschlossene eigene Welt, die zurückführt in die Zeit der Kammerherren und Kapitäne der letzten Großsegler und ersten Dampfschiffe.

Attraktive und bedeutende Präparate der naturkundlichen Sammlungen füllen noch heute die Vitrinen und Wände, eine kleine Einheit bleibt für völkerkundliche Objekte reserviert.

Mit diesem Raum in der Dauerausstellung „Küste und Marsch“ steht auch künftig das Thema „Evolution des Lebens“ wieder zur Verfügung, denn unter diesem Begriff lässt sich das ursprüngliche naturkundliche Konzept vermitteln. Zoologische und botanische Präparate erlauben einen Gang durch die Entwicklungsgeschichte der Tiere.

Neben den inhaltlichen Schwerpunkten, den natur- und kulturgeschichtlichen Zusammenhängen bietet die Ausstellung verschiedene Besonderheiten dieser Region: Im Rahmen der ur- und frühgeschichtlichen Objektpräsentation werden beispielsweise die Weser-Runen-Knochen gezeigt, die ältesten Runenschriften Nordwestdeutschlands. Oder als Aspekt der Umweltgeschichte stehen interdisziplinäre Forschungen im Vordergrund: die Paläobotanik als Wissenschaftszweig zum Gewinnen von Informationen zur Besiedlungsgeschichte und zur Ernährungslage der Bevölkerung längst vergangener Kulturhorizonte.