Neues aus der Wissenschaft - Ausgabe 1

Die Moorleiche von Husbäke

Archäologische Fundstücke sowie Exponate der naturkundlichen Sammlung sind für uns nicht nur reine Schauobjekte, sondern auch für aktuelle Forschungen von großer Wichtigkeit.

In den letzten Jahren haben wir uns daher besonders mit den Moorleichen beschäftigt. Zwar konnten wir schon anhand der Untersuchungen der vergangenen Jahrzehnte viele Details über diese Menschen aus dem Moor vorlegen – die letzten Mahlzeiten, das Geschlecht, Haar- oder Bartwuchs usw. –, doch blieben viele Fragen bis heute unbeantwortet

Die Aufbewahrung organischer Materialien im Moor führt zu einer optimalen Erhaltung, gleichzeitig verändert sich dadurch jedoch auch das ursprüngliche Aussehen des Körpers. Der Befund des Mannes von Husbäke – die Moorleiche eines ca. 20jährigen Mannes, der in der Zeit von etwa 75-215 n. Chr. ins Moor gelangte – belegt beachtliche Erfolge durch die Anwendung modernster medizinischer und computergrafischer Methoden: Uns gelang die virtuelle Rekonstruktion des Gesichtsschädels von dem Aufbau des Knochengerüsts bis hin zu einem „echten“ Lebensbild. Wie ist das möglich?

Erst einmal wurde die Moorleiche an der Universitätsklinik in Bonn mit Hilfe der Computertomografie aufgenommen – die medizinischen Bilder waren die Grundlage für unsere Kenntnisse über das Innere des Schädels. Es stellte sich so heraus, dass die Knochen  des Hinterkopfes sich nicht erhalten haben. Die ursprüngliche Form musste somit zunächst anhand von Vergleichen und statistischen Berechnungen rekonstruiert werden. Um dies überhaupt möglich zu machen, ließen wir ebenfalls in Bonn, im Forschungszentrum „Caesar“ ein 1:1-Modell des Gesichtsschädels aus Kunstharz erstellen: Der Mann von Husbäke wurde durch einen Laser dreidimensional vermessen. So erhielten wir nicht nur diesen Abguss, sondern auch eine große Datenbasis, die ein virtuelles Bild entstehen ließ.

Im Museum können Sie sowohl die Moorleiche in ihrem originalen Zustand nach der Auffindung im Moor sehen, als auch in der direkten Gegenüberstellung das rekonstruierte Gesicht am interaktiven Bildschirm erfahren.

Natürlich haben wir auch an die Zweifler gedacht und möchten daher darauf hinweisen, dass das so entstandene Abbild des Mannes, die Gesichtszüge als fiktiv eingeschätzt werden müssen; dieses ganz spezielle Aussehen ist eine Möglichkeit von Vielen, trotzdem wir davon ausgehen, dass wir uns der ursprünglichen Realität schon sehr weit angenähert haben. Was uns für immer – oder vielleicht auch nur gerade zum jetzigen Zeitpunkt des Forschungsstandes – verschlossen bleibt, ist z. B. der ehemals vorhandene Fettanteil im Gesicht, die Gewebeschicht zwischen Knochen, Muskeln und Haut.

Besuchen Sie uns und bilden sich selbst ein Bild darüber, ob Sie sich den Mann so vorgestellt haben, wie wir ihn rekonstruierten.