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Provenienzforschung

Erfahren, wo Sammlungsgüter herkommen

Lange Zeit haben Museen Sammlungsgüter ausgestellt, bei denen die Herkunftsgeschichte nicht hinterfragt wurde. Diese Handhabung verändert sich. Die Provenienzforschung will herausfinden, wo Objekte herkommen und in welchem Kontext sie in den Besitz eines Museums gelangt sind. Forschungsprojekte setzen sich mit einzelnen Objekten oder ganzen Sammlungen auseinander. Im Idealfall wird mit der Herkunftsgesellschaft eine Vereinbarung für eine Restituierung, also eine Rückgabe des Objekts, getroffen.

Provenienzforschung am Natur und Mensch

Die Provenienzforschung (abgeleitet vom lateinischen Wort provenire = hervorkommen, entstehen) beschäftigt sich im Allgemeinen mit der Erforschung der Herkunft eines Objektes/Kulturguts oder menschlicher Überreste.

Dabei verfolgt die Provenienzforschung den Weg, den ein Objekt oder menschlicher Überrest von seinem Ursprungsort bis zu seinem heutigen Platz im Museum genommen hat. Im Idealfall können dabei unterschiedliche Stationen aufgezeigt und beteiligte Personen/Besitzer:innen ermittelt werden. Warum ist das wichtig? Bis in heutige Zeit bestimmen Menschen mit mehr Reichtum und Macht über andere Personen und Ressourcen. In historischen Zeiten war dieses asymmetrische Machtgefälle noch größer (Kolonialismus). Dies führte dazu, dass Objekte und menschliche Überreste oftmals für wenig Geld gekauft, gegen etwas Minderwertiges getauscht bzw. gestohlen oder geraubt worden sind. Insofern haben die späteren Besitzer:innen sie nach unserem heutigen Verständnis nicht rechtmäßig erworben. Diese Unrechtmäßigkeit blieb auch bestehen, als die Objekte/menschlichen Überreste im Laufe ihrer Geschichte ins Museum kamen. Wenn es nun mittels Provenienzforschung gelingt herauszufinden, woher ein Objekt/menschlicher Überrest stammt, können die Mitarbeitenden einen Schritt weitergehen und versuchen, die Nachfahren der einstigen Eigentümer:innen/Hersteller:innen bzw. die Familienangehörigen zu ermitteln. Damit wird die Möglichkeit geschaffen, Objekte und insbesondere menschliche Überreste zeitnah zurückzugeben bzw. mit den Nachfahren in Kontakt zu treten, um sich über den Verbleib, Umgang und Zugänglichkeit auszutauschen.

Das Landesmuseum Natur und Mensch strebt eine umfassende provenienzgeschichtliche Aufarbeitung seiner kolonialen Bestände sowohl im Bereich der Ethnologie als auch in der Naturkunde an. Das Museum und seine Mitarbeitenden fühlen sich den im sogenannten Ersten Eckpunktepapier festgehaltenen Punkten, wie Aufarbeitung, Transparenz, Vorrang von menschlichen Überresten bei der Aufarbeitung und Rückführungen an Herkunftsgesellschaften verpflichtet. Darüber hinaus entwickelt das Natur und Mensch eigene Haltungen zu dem Thema, die hier als herunterladbare Dateien hinterlegt werden. Darin ist beispielsweise der Umgang mit menschlichen Überresten, die Verwendung von Bildmaterial und die Bemühungen um eine dekoloniale Sprache festgehalten (demnächst).

Folgende Projekte finden am Landesmuseum Natur und Mensch statt:

1. Ein ikegobo in Oldenburg, kurzfristiges Provenienzforschungsprojekt, gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste

In den 1960er Jahren erwarb das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg ein hölzernes Objekt, einen sogenannten "Ikegobo" oder "Altar der Hand", bei einem Kunsthändler. Der Ikegobo stammt aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria , welches in u.a. durch eine britische Strafexpedition 1897 geplündert wurde, wodurch viele Objekte in europäische Museen gelangten. In einem kurzfristigen Forschungsprojekt wird untersucht, ob auch das Oldenburger Objekt aus diesem Erwerbskontext stammt. Durch Digitalisierungs- und Kooperationsprojekte werden das Objekt und die Forschungsergebnisse zu seiner Provenienz zudem transparent kommuniziert - auch um einen Dialog zu Umgang und Verbleib des Ikegobos anzustoßen. 

Das Projekt wird gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.

Ansprechperson

Jennifer Tadge
j.tadge[at]landesmuseen-ol.de
(0441) 40570-331

Weitere Informationen zum Projekt

 

2. Provenienzforschung zur anthropologischen Schädelsammlung im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg

Im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs mit den im Museum aufbewahrten menschlichen Überresten hat das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt interdisziplinär, anthropologisch und historisch koloniale Provenienzen bei 34 menschlichen Schädeln und zwei Gipsabgüssen untersucht.Durch die Auswertung historischer Quellen konnte gezeigt werden, dass die meisten Gebeine zwischen 1850 und 1913 durch Kaufleute, zivile Seeleute und Marineangehörige, Ärzte und Apotheker ins Museum gekommen sind. Sie stammen aus Nord- und Südamerika, Asien, Ozeanien, Australien und Afrika.

Sofern es die Überlieferung zuließ, wurde versucht, die Umstände unter denen die Schädel „gesammelt“ worden sind sowie den Weg aus ihren Herkunftsregionen bis nach Oldenburg nachzuzeichnen. Dies bildet die Grundlage für den Dialog mit den Nachfahren, um die Gebeine zu repatriieren.

Durchführung: Dr. Ivonne Kaiser

Informationen zum Projekt

 

3. Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen (PAESE)

Im Rahmen des Niedersächsischen Verbundforschungsvorhabens „Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“ (kurz PAESE) wurden im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg die Herkunft – die Provenienz – und die Erwerbsumstände ethnologischer Objekte aus kolonialen Kontexten untersucht. Im Fokus des Oldenburger Teilprojekts stand die sogenannte „Langheld-Sammlung“, welche von den Militärangehörigen Wilhelm, Johannes und Friedrich Langheld in einem Zeitraum von 1889 und 1901 angelegt wurde und primär Alltags- und Gebrauchsgegenstände sowie Waffen aus dem Gebiet des heutigen Tansania und Uganda umfasst. Im Rahmen eines Dissertationsvorhabens wurden koloniale Sammelpraktiken in militärischen Kontexten betrachtet und untersucht, inwieweit sich daraus Unrechtskontexte rekonstruieren lassen.Ziel war es außerdem, eine transparente Übersicht über die Oldenburger Objektbestände aus kolonialen Kontexten zu generieren und die Ergebnisse der Provenienzforschung mit diesen Beständen digital zu verknüpfen. Die Ergebnisse sollen Wissenschaftler:innen über die Datenbank des PAESE-Projekts online weltweilt zur Verfügung stehen.

Durchführung: Jennifer Tadge

Informationen zum Projekt und zur Publikation von Projektergebnissen

Informationen zum Oldenburger Teilprojekt

 

Umfassendes Archivmaterial zur Dokumentation von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten hat das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg der Abteilung Oldenburg des Niedersächsischen Landesarchivs übergeben. Damit sind die Bestände öffentlich über das Portal des Archivinformationssystems Niedersachsen und Bremen recherchierbar.

Das Landesmuseum Natur und Mensch geht offen und transparent mit der Provenienzforschung zu seinen Beständen um. Bei Fragen zu den Beständen und der Haltung des Museums kontaktieren Sie daher gerne:

Dr. Ursula Warnke
Direktorin
0441 / 40570 301
u.warnke[at]landesmuseen-ol.de
Damm 38-46
26135 Oldenburg

Intervention

Das Naturalienkabinett wird bunt

Das Naturalienkabinett ist ein ganz besonderer Ort in unserer Dauerausstellung. Der ganze Raum soll nachempfinden, wie das Museum sich im 19. Jahrhundert angefühlt hat. In den klassischen Vitrinen und Schränken befinden sich neben Stücken aus der ethnologischen Sammlung auch viele präparierte Tiere wie Vögel und Insekten, aber auch Eier und Skelette. Die heutige Sicht auf diese Sammlungsstücke hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und wir finden, dass ein unreflektierter Blick dem vollen Umfang der Geschichte dieser Objekte nicht gerecht wird. Wir haben uns also für eine Intervention entschieden.

Die Intervention besteht im Wesentlichen aus einem Stör-Moment. Das altmodisch und dunkel eingerichtete Kabinett wird mit vielen bunten Klebezetteln versehen, die das Raumkonzept aus dem Gleichgewicht bringen und auf Ihre Aufmerksamkeit aus sind. Auf den Zetteln stehen einerseits nützliche Hintergrundinformationen. Zum Beispiel erklären wir, dass das Sammlungsbestreben von Museen zum Aussterben des Riesenalks geführt hat. Anderserseits können auch Sie selbst an der Intervention teilnehmen, indem Sie einen bunten Zettel nehmen und ihn mit Fragen, Ideen und Meinungen beschreiben. Stören Sie sich an einer bestimmten Darstellung? Haben Sie Fragen zum Hintergrund eines Objekts? Wir haben bereits sehr viele solcher Zettel von Ihnen bekommen und gelesen und freuen uns auf mehr!

Zum Naturalienkabinett in der Dauerausstellung

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Koloniale Kontexte

Als Museum, das seit über 180 Jahren existiert, beherbergt das Natur und Mensch eine umfassende Sammlung. In dieser befinden sich auch Objekte aus kolonialen Kontexten. Was bedeutet das genau?

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MINT

MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Diese Fachbereiche spielen für viele Jugendliche in der Schule eine Rolle. Spaß am Forschen und Entdecken soll geweckt werden!

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